Fußball
Leipziger Fußballmärchen
Mittwochabend: Der FC Fulham aus der englischen Premier League gastiert in Leipzig und misst sich dort mit dem gerade erst aufgestiegenen Viertligisten 1. FC Lok. Auf den ersten Blick scheint dies wie ein Trip ins ostdeutsche Fußballniemandsland. Zu Unrecht.von Thomas BärschLeipzigs Fußball liegt in einem Dornröschenschlaf. Daran ändert nichts, dass die Stadt mit dem VfB den ersten Deutschen Meister hervorbrachte, oder dass sie seit 1956 mit über 100.000 Zuschauern bei einem Lokalderby den deutschen Zuschauerrekord hält. Auch Fritz Walters Jahrhunderttor von 1956, bei dem er hier im Zentralstadion im Handstand den Ball mit den Hacken ins Netz setzte – liegt ein halbes Jahrhundert zurück. Das Zentralstadion trägt nun den Namen einer aufputschenden Brause, es fasst auch keine 100.000 Zuschauer mehr und Erstligafußballer gaben sich hier zuletzt vor 18 Jahren die Ehre. Doch die Ruhe trügt – die Fußballstadt rührt sich und erwacht. Gerade Leipzig hat früher immer wieder gezeigt, welche fantastischen Geschichten der Fußball zu schreiben vermag. Es flüstern schon die Geister – Chemie wird deutscher MeisterDie erste schrieb die BSG Chemie in den 1960er Jahren. Die SED zerschlug damals die Leipziger Vereine, schuf mit dem SC Leipzig ein Leistungszentrum und schob die „nicht förderungswürdigen“ Spieler zur BSG Chemie ab. Dieser sportpolitische Willkürakt setzte bei den Spielern ungeahnte Kräfte frei, außerdem wussten sie tausende Leipziger hinter sich, die mit ihrer Sympathie für die BSG Chemie ihren Protest gegen die DDR-Sportobrigkeit ausdrücken konnten.Getragen von der Euphoriewelle kämpfte sich Chemie von Sieg zu Sieg – „Es flüstern schon die Geister – Chemie wird Deutscher Meister!“, hallte es 1964 durch Leipzig-Leutzsch. Über 10.000 Fans begleiteten am letzten Spieltag ihr Team nach Erfurt. Dort machte Chemie mit einem 2:0 die größte Überraschung in der DDR-Oberliga-Geschichte perfekt und wurde Meister. Die Fußballer hatten gezeigt, dass ihr Sport mehr ist, als sich auf Funktionärsreißbrettern planen lässt. Von diesem Triumph zehren „Chemiker“ bis heute – auch wenn die Geschichte der Fußballstadt später vom verhassten 1.FC Lok dominiert werden sollte.
Rauschende Fußballfeste im LigakellerDas zweite Fußball-Märchen schrieb eben jener 1. FC Lok – aber erst nach der Wende. Zu DDR-Zeiten hielt sich der Verein zwar passabel in der Oberligaspitze – zu großen internationalen Titeln reichte es aber nie. Nach dem Mauerfall folgten ein Jahr erste Liga, dann der Abstieg und dann der Konkurs. Es wäre das Ende gewesen, hätte nicht ein ehemaliger Hooligan den Verein neu gegründet – ganz unten, im Keller des deutschen Ligawesens, in Liga Elf. Viele Leipziger Fußballer, die schon als Kinder auf den Rängen standen, sahen nun die Chance, tatsächlich für „ihren“, den echten „1.FC Lok“ zu spielen. Der Verein zog wie ein Magnet Spieler aus höherklassigen Teams an. Am Ende der Saison 2005 hatte Lok in der 3. Kreisklasse alle 26 Spiele gewonnen und dabei unglaubliche 313 Tore erzielt. Die 12.000 Zuschauer gegen Eintracht Großdeuben II brachten den Verein ins Guiness-Buch der Rekorde – und weil sich kaum ein Polizist in diese Fußballniederungen verirrte, konnten Tausende hier ungehindert große Pyroshows zelebrieren. Zum Beispiel dann, als Lok den damals 62-jährigen Henning Frenzel, einen Star der 70er Jahre, noch einmal aufs Feld schickte und der nach unzähligen Zuspielen tatsächlich doch noch einmal SEIN Tor erzielte…Lok siegte sich stetig nach oben, geriet aber nicht sportlich in die Schlagzeilen, sondern wegen mancher Fans. Im immer noch fußballgeteilten Leipzig zog es die alternativen Jugendlichen eher zu „Chemie“, wer bei Lok landete, verortete sich oft eher rechts; ein Problem, mit dem der Verein jahrelang zu kämpfen hatte. Ein neuer Player - millionenschwerIm Jahr 2009 endete die Aufstiegsserie. Lok Leipzig musste in der Landesliga einem neugegründeten Verein den Vortritt lassen – es ist der Protagonist des dritten Leipziger Märchens: „Rasenballsport Leipzig“, eine Schöpfung des Red Bull Gründers Dietrich Mateschitz. In Leipzig fand der österreichische Groß-Unternehmer alles, was er brauchte, um den deutschen Fußball aufzumischen. Ein WM-Stadion ohne Profiverein und fußballausgehungerte Leipziger, die sich nicht zwischen Lok oder Chemie entscheiden, sondern einfach nur Fußball sehen wollten. Mateschitz kaufte Stars aus höheren Ligen, etablierte und inszenierte fast unbemerkt ein sportpolitisches Erdbeben – nirgendwo sonst wird eine Fußballmannschaft derart ungeniert wie eine Konzernfiliale betrieben. Nur: Leipzig hatte schon einmal gezeigt, wie schwer Fußball am Reißbrett zu planen ist - und auch Red Bull tut sich schwer. Im dritten Jahr seines Bestehens arbeitet hier schon der vierte Trainer – bereits zweimal ist man am Projekt „Aufstieg aus der 4. Liga“ gescheitert. Nun hat Mateschitz den ehemaligen Bundesligatrainer Ralf Rangnick als Sportdirektor geholt. Die Zeichen stehen auf Liga drei. Doch zuerst gibt es ein heißes Derby - denn auch Lok ist der Sprung in die Vierte Liga gelungen.
18.07.2012



