Werder bricht Trainingslagerrekord
von Ralf LorenzenÜberlebenscamps oder Kletterpartien – jeder Bundesliga-Klub überbrückt die lange Sommerpause auf seine Weise. Werder Bremen nutzt die Zeit zu einem dritten Trainingslager – so oft waren selbst die reiselustigen Hanseaten noch nie auf Achse."Freiwillig mache ich das nie wieder", sagte HSV-Spieler Tolgay Arslan, als er zurück aus Schweden war, wo er mit seiner Mannschaft vier Tage fernab der Zivilisation in einem "Überlebenscamp" verbracht hatte. "Das verrückteste Trainingslager, das ich je erlebt habe" nannte Verteidiger Dennis Diekmeier die Tortur ohne fließendes Wasser und Handy.
Viel Zeit zum RedenDie mit 110 Tagen längste Sommerpause der Bundesliga-Geschichte erfordert kreative Ideen, weil die Trainer "
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„Die Trainer müssen die Spannung hochhalten, obwohl nichts Spannendes passiert.”
Wolfgang Holzhäuser
die Spannung hochhalten müssen, obwohl nichts Spannendes passiert", wie Bayer Leverkusens Geschäftsführer Wolfgang Holzhäuser es ausdrückt. Die Dortmunder kletterten, die Schalker gaben in Rennautos Gas. Mainz 05 schickte seine Spieler zwischen zwei Trainingsblöcken sogar wieder für eine Woche nach Hause.
"Ich glaube aber nicht, dass das völlig verschiedene Denkschulen sind", sagt der Mainzer Trainer Thomas Tuchel in der "Süddeutschen Zeitung", "bei so einer langen Pause versucht eben jeder Klub, eine pragmatische Lösung zu finden." Sein Bremer Kollege Thomas Schaaf kann der langen Vorbereitungszeit sogar etwas Positives abgewinnen: "Wir können viele Themen ansprechen. Ich bin mir sicher, dass mir am Ende doch wieder die Zeit davonrennt."
Keine Zeit für AblenkungThomas Schaaf gilt in der Branche als Erfinder des zweiten Sommertraininggslagers. Seit Jahren schon starten die Bremer mit einem Lauftrainingslager auf Norderney in die Vorbereitung, um sich anschließend in den Alpen einzuspielen. Kein Wunder also, dass der Bremer Trainer jetzt noch einen draufsetzt. Als einziger Verein absolvieren die Bremer gerade ihr drittes Trainingslager und haben gleich nach dem Turnier-Sieg in Hamburg ihr Quartier in Donaueschingen aufgeschlagen.
Reinhard Schnittker und Thomas Schaaf
Quelle: imago
„Hier haben wir die Möglichkeit, ganz gezielt zu arbeiten“, erklärt Werders neuer Athletik-Coach Reinhard Schnittker gegenüber ZDFsport.de. „Vor allem können wir die Regeneration besser steuern. Außerdem haben wir eine größere Fokussierung - vor Ort weiß man nicht, welche weiteren Faktoren die Spieler ablenken.“ Trotz insgesamt fast dreiwöchigem Aufenthalt in den verschiedenen Trainingscamps sieht Schnittker nicht die Gefahr eines Lagerkollers.
Mit Abwechslung gegen den Lagerkoller„Da die Trainingslager relativ kurz und an verschiedenen Orten sind, ist genug Abwechslung da“,sagt Schnittker, der vor seinem festen Job bei Werder Bremen als Mitarbeiter der Universität Paderborn die Leistungsdiagnostik des Schaaf-Teams verantwortete. „Wenn wir jeden Morgen 45 Minuten laufen, danach um 10 Uhr Sprinttraining und um 16 Uhr Taktiktraining machen, dann wäre eine Übermüdung vorprogrammiert. Aber da wir variabel auf Vorlieben, Schwächen und Stärken eingehen, bringen wir Abwechslung und Freude in den Trainingsalltag.“
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„Da wir variabel auf Vorlieben, Schwächen und Stärken eingehen, bringen wir Abwechslung und Freude in den Trainingsalltag.”
Reinhard Schnittker
Werder Bremen gilt als ein Klub, der immer auf Spieler gesetzt hat, die etwas im Kopf haben. Nach der Philosophie von Schnittker, der bei Werder die Nachfolge von Yann-Benjamin Kugel angetreten hat, spielt das Gehirn bei jedem Spieler eine überragende Rolle. „Es ist nicht damit gegessen, dass die Beine zu ihrem Recht kommen, sondern auch beim Gehirn müssen Reize und Impulse gesetzt werden“, ist Schnittker überzeugt.
Reize fürs Gehirn "Wenn ich nicht nur den Fußball sehe, sondern auch mal Frisbee spiele oder für eine Einheit in den Wald gehe, dann bin ich auch in der Informationsverarbeitung variabler und kann auf die vielen Situationen, die mich im Spiel erwarten, adäquat reagieren."
Reizvolle Anregungen für den Tagesablauf bekommen die Spieler unter Anleitung eines spezialisierten Betreuerstabes leichter als im Alltagstrott, wo für Profis wie Normalbürger Erholung oft aus Fernsehen und Computergebrauch besteht. Ähnliches gilt für das Ernährungsverhalten, wo im Alltag oft der gleiche Italiener oder die gleiche Lieblingsspeise auf dem Speisezettel stehen.
Impulse für den heimischen Kühlschrank„Hier haben wir eine hohe Abwechslung und tolle Gerichte“, schwärmt Schnittker von der Küche im Trainingslager. „Wir versuchen über Impulse und Informationen Überzeugung zu leisten. Aber immer vor dem Hintergrund, dass Essen auch Genuss und Befriedigung darstellen sollte.“
Werders junge Mannschaft ist bisher offen für Schnittkers Impulse. Das könnte natürlich auch damit zusammenhängen, dass er sich gegen Kritik durch „die Bestimmung der Trainingsintensität gut wehren kann“, wie er kürzlich auf werder.de scherzte.